www.kaprun.at
11.11.2001

Kaprun aktuell

Wir gedenken der Opfer des Tunnelunglücks

Für die Angehörigen, für die Gletscherbahnen Kaprun AG und für ihre Mitarbeiter, für die Bevölkerung von Kaprun und für zahllose Menschen in Österreich und auf der ganzen Welt, ist der 11. November ein Tag des Gedenkens.

 

GEDENKEN ZUM JAHRESTAG
DES TUNNELUNGLÜCKS

Am Sonntag, 11. November 2001, wird der Jahrestag der Brandkatastrophe im Tunnel der Gletscherbahnen begangen.

Auf besonderen Wunsch vieler Angehöriger wurde mit Unterstützung der Gemeinde Kaprun gemeinsam der Gedenktag am Sonntag, 11. 11. 2001 in Kaprun vorbereitet.

Zeitplan zum Jahrestag am 11. 11. 2001 in Kaprun

Im Gedenken an den Unfall hat das Land Salzburg festgelegt, am Samstag, den 10. November 2001 um 18.30 Uhr, in der Stiftskirche St. Peter das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart aufzuführen und dies öffentlich zugänglich zu machen.

Für die Angehörigen, für die Gletscherbahnen Kaprun AG und für ihre Mitarbeiter, für die Bevölkerung von Kaprun und für zahllose Menschen in Österreich und auf der ganzen Welt, ist der 11. November ein Tag des Gedenkens.

Die Gletscherbahnen Kaprun werden am 11. November 2001 nicht in Betrieb gehen, und es wird am Kitzsteinhorn keinen Skibetrieb geben.

Damit soll ein klares und eindeutiges Zeichen des Gedenkens gesetzt und das Mitgefühl gegenüber den Angehörigen zum Ausdruck gebracht werden. Ihnen gilt dieser Tag, ihnen soll im Bereich der Talstation der Gletscherbahnen die Möglichkeit geboten werden - ungestört vom Seilbahnbetrieb - ihrer Verstorbenen zu gedenken. Ihnen soll Raum und Zeit gegeben werden, bei der Gedenkstätte zu verweilen.


ZEITPLAN ZUM JAHRESTAG
Sonntag, 11. November 2001


Gedenkwanderung und Gedenkstunde

7.00 bis 7.15 Uhr:
Treffpunkt zur Gedenkwanderung beim ADEG-Markt im Ortszentrum von Kaprun

7.15 bis 9.00 Uhr:
Gedenkwanderung vom ADEG-Markt entlang der Nikolaus-Gassnerstrasse und der Kesselfallstrasse bis zur Gedenkstätte an der Talstation der Gletscherbahn. Zur Gedenkwanderung sind alle Angehörigen, Freunde, Gäste, Helfer des 11. 11. 2000 und die Bevölkerung von Kaprun und der Region eingeladen. Die 6,5 km lange Gedenkwanderung findet bei jedem Wetter statt, bitte auf warme Kleidung achten und eventuell Verpflegung mitnehmen. Während dieser Zeit wird die Kesselfallstrasse für den öffentlichen Verkehr gesperrt.
Für alle, denen die Wanderung zu beschwerlich ist, wird ein kostenloser Busdienst um 7.30 Uhr und 8.30 Uhr eingerichtet. Abfahrtsstellen sind die Bushaltestellen Schaufelberg und Jugendherberge.

9.00 bis ca. 10.00 Uhr:
Gedenken an die 155 Opfer der Brandkatastrophe vom
Samstag, 11. 11. 2000.
Die Gestaltung der Gedenkstunde erfolgt durch VertreterInnen der Angehörigen.

ab ca. 10.00 Uhr:
Rückfahrt mit kostenlosem Busdienst nach Kaprun


Messen und Gottesdienste:

9.00 Uhr:

Katholische Sonntagsmesse in der Pfarrkirche Kaprun.

18.00 Uhr:
Ökumenischer Abendgottesdienst in der Pfarrkirche Kaprun.

Angehörigenzentrum:


7.00 Uhr bis 18.00 Uhr:
Im Saal der Jugendherberge wird wieder das Angehörigenzentrum eingerichtet. Der Saal steht allen Angehörigen zum Gedankenaustausch zur Verfügung.

Informationszentrum:

Samstag, 10. 11. 2001: 11.00 bis 20.00 Uhr
Sonntag, 11. 11. 2001: 7.00 bis 17.00 Uhr
Im Saal des Freizeitzentrums Optimum wird für Medien und alle, die Informationen über den Gedenktag suchen, eine Informationsstelle eingerichtet.

Danke
an alle, die bei der Vorbereitung und Durchführung des Jahrstages mithelfen; im besonderen den VertreterInnen der Angehörigen, dem Roten Kreuz, der Gendarmerie und den vielen freiwilligen HelferInnen.

Am 11. 11. 2001
kein Skibetrieb am Kitzsteinhorn.


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Krone,
11. 11. 2001

Ein Ort des stillen Gedenkens

[ 2001-11-11,Sbg, HARALD BRODNIG,LOKALES ]

Als sie starben, waren sie allein. Getrennt von ihren Liebsten. Sterbend umarmten sich viele. An einem Tag, der so strahlend begonnen hatte. Am 11. November. Ein Jahr danach versuchen Angehörige ihnen nochmals nahe zu sein. Irgendwie. Dort, wo es geschah. Und sie wollen alleine sein.

"Ich habe das Gefühl, sie sind noch alle hier", sagte Christl Challis (39) aus Kaprun, als sie vor wenigen Tagen mit vielen Leidensgefährten den Todestunnel durchschritt. Christls Mann Kevin hatte hier vor einem Jahr sein Leben gelassen. Seine achtjährige Tochter Siobhan war vorher mit der Bahn aufs Kitz gefahren. "Warte oben auf mich", sagte der Vater. Siobhan wartet heute noch auf ihn.

"Sie sind alle hier". Ein tröstlicher Gedanke. Nicht nur für Christl Challis.

Politiker wollten eine offizielle Gedenkfeier in der Salzburger Residenz organisieren. Die Angehörigen lehnten ab. Sie zogen den offiziellen Beileidskundgebungen ein schlichtes Kreuz am Berg vor. Die "Offiziellen": Ein Wort, das in Kaprun traurig macht. Und zornig. Hatten doch Verantwortliche, wie die Bergbahnen, kein Wort des Bedauerns übrig. Die Habseligkeiten der Opfer, die aus dem Tunnel geholt wurden. Formlos waren sie bei den Trauernden gelandet.

Außerdem: Was hätten sie auch zu sagen gehabt. "Menschliche Worte des Trostes versagen angesichts des großen Leides", sagte ein Pfarrer bei einer der vielen Gottesdienste nach dem Unglück. Bis heute hat sich daran nichts geändert.

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Kurier,
11. Nov. 2001

"Jahrestag irgendwie hinter uns bringen"

Kaprun: Vom Problem, wenn Trauerarbeit ihre Intimität verliert


Die Trauerarbeit ist ein Jahr nach der Katastrophe im Bahnstollen von Kaprun für viele Angehörige noch nicht abgeschlossen.

Bald nach dem Unglück organisierten sich die Angehörigen und versuchten auf verschiedene Art ihre Trauer zu bewältigen. Während einige noch immer gelähmt vom Unfassbaren sind, wenden sich andere in ihrem Schmerz nach außen. Die von der "Wiener Gruppe" organisierte Gedenkwanderung am heutigen Jahrestag vereint Trauer und Öffentlichkeit. "Wir werden uns nach der Gedenkstunde sehr wohl artikulieren. Für uns ist es wichtig mit anderen Betroffenen zu reden", sagt Max Weber. Es wurde auch die Internet-Homepage www.kaprun-tunnelkatastrophe.at eingerichtet, in der sich Betroffene jeden Mittwoch ab 21 Uhr im Chatroom treffen.

Aktive Trauerarbeit betrieben die Wiener bereits im Mai, als sie in Kaprun 155 Holzkreuze aufstellten. Im Ort war diese Aktion sehr umstritten. Die Einwohner wollen zur Ruhe kommen.

Während vor allem ausländische Angehörige mit US-Anwalt Ed Fagan in ihrem Schmerz vor die Kameras traten, zog sich die "Welser Gruppe" ganz zurück. Mit Anwälten und einem Psychologenteam versucht man sich so gut es geht vor dem Medienrummel zu schützen.

GEDENKTAFEL Im Magistrat Wels wurde eine Gedenktafel installiert. Am Samstag gedachte man unter Ausschluss der Öffentlichkeit der 32 Toten. Viele Angehörige sehen sich gar nicht in der Lage, an öffentlichen Trauerveranstaltungen teilzunehmen: "Nach einem Jahr hoffen wir diese Tage nur irgendwie hinüber zu bekommen."

In Kaprun will man, dass der Ort nach dem Jahrestag nicht mehr nur mit Katastrophe und Trauer gleichgesetzt wird. "Der 12. 11. ist für uns ein Neuanfang", sagt Bürgermeister Norbert Karlsböck. Lediglich die Gedenkstätte bei der Talstation soll noch an den Unglückstag erinnern. - B. Kirchgatterer

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bgld.orf.at
11.11.2001

Angehörige gedenken der Kaprum-Opfer
Genau ein Jahr nach der Brandkatastrophe steht Kaprun heute im Zeichen des Totengedenkens. Die Angehörigen der 155 Opfer trafen sich am Sonntagmorgen im Ortszentrum von Kaprun.

Gedenken auch im Burgenland
Im Gymnasium Güssing wird morgen Vormittag eine Gedenkfeier stattfinden. Schüler und Lehrer gedenken dabei ihrer Kollegen, die am 11. Novemeber vor einem Jahr ums Leben gekommen sind.

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ORF.at
11.11.2001

Gedenktag als Schlussstrich

Ein Jahr nachdem 155 Menschen bei der Seilbahnkatastrophe von Kaprun ums Leben kamen, will sich die Fremdenverkehrsgemeinde vom "Diktat der Trauer" freispielen. Am Sonntag jährt sich das Unglück zum ersten Mal, mit verschiedenen Veranstaltungen wird der Toten gedacht. Damit wollen die Kapruner auch einen Schlussstrich unter die Ereignisse vom 11. November ziehen - eine Hoffnung, die sich kaum erfüllen wird: Die Vorbereitungen für den Prozess, der die Schuld an der Tragödie klären soll, laufen auf Hochtouren.

 

ORF-Chronologie:

11. November 2000: Um 9.02 Uhr fährt die Garnitur der Standseilbahn auf das Kitzsteinhorn ab. Acht Minuten später meldet der Zugführer, dass eine Kabine brennt. Um 11.00 Uhr wird bekannt, dass sich einige Personen aus dem brennenden Zug im Tunnel retten konnten.

Um 13.00 Uhr teilt der Salzburger Landeshauptmann Franz Schausberger (ÖVP) mit, dass es abgesehen von den Geflüchteten keine weiteren Überlebenden gibt. Über die genaue Opferzahl - 155 Tote - herrscht dennoch erst Tage später Klarheit. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) ordnet Staatstrauer an.

12. November 2000: In Kaprun befinden sich mehr als 1.000 Helfer und Psychologenteams im Einsatz. Erste Erkenntnisse über die Identität der Opfer werden bekannt. So befanden sich eine Gruppe von 32 Welser Magistratsbeamten und eine Gruppe Jugendlicher aus dem Südburgenland in der Unglücksgarnitur.

13. November 2000: Die Salzburger Landesregierung hält eine Trauersitzung ab. In deutschen Medien wird erste Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen laut. Die Salzburger Staatsanwaltschaft leitet Vorerhebungen zur Unglücksursache ein. Die bei dem Unglück getöteten US-Soldaten und deren Angehörige werden identifiziert.

14. November 2000: Familien von aus Bayern stammenden Opfern bereiten Klagen vor. Auch US-Anwalt Ed Fagan schaltet sich erstmals ein und bietet den Angehörigen Rechtshilfe an.

15. November 2000: Die offizielle Opferbilanz wird bekannt gegeben: 155 Tote. Dem Bericht zufolge starben 152 Personen im Tunnel und weitere drei Menschen in der Bergstation.

16. November 2000: Die Bergung der Leichen aus dem Tunnel in Kaprun wird abgeschlossen.

17. November 2000: Im Salzburger Dom findet ein Trauergottesdienst statt. Neben der gesamten österreichischen Staatsspitze nehmen auch der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder, der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber und der slowenische Ministerpräsident Andrej Bajuk an der Zeremonie teil.

Unterdessen zeichnet sich immer stärker ab, welchen Imageschaden die Katastrophe dem österreichischen Tourismus zugefügt hat: 40 Prozent der Deutschen lehnen laut einer Umfrage einen Österreich-Urlaub ab.

7. Dezember 2000: Knapp vier Wochen nach der Katastrophe nehmen die Gletscherbahnen Kaprun den Saisonbetrieb wieder auf.

13. Dezember 2000: Zwei Angehörige von Kaprun-Opfern besuchen mit Fagan die Salzburger Staatsanwaltschaft. Sie beklagen sich darüber, schlecht informiert zu sein.

8. Jänner 2001: Fagan kritisiert im Zusammenhang mit der Kaprun-Katastrophe das österreichische Rechtssystem. Die Ansprüche der Opfer würden "nicht fair bewertet und kompensiert", so Fagan. Deswegen bringe er Klagen vor US-Gerichten ein. In der Folge werden weitere Klagen angekündigt und eingebracht.

30. Jänner 2001: Die Bergung des Zuges aus dem Tunnel beginnt. Am 28. Februar 2001 ist der Abtransport beendet. In Linz wird das Wrack schließlich einer genauen Untersuchung unterzogen.

6. September 2001: Das Gerichtsgutachten über die Ursachen der Katastrophe von Kaprun wird der Öffentlichkeit präsentiert. Ein defekter Heizlüfter wird als Auslöser für den Brand genannt.

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orf.at
11. November 2001

 

Im Schatten des 11. November

Kaprun will endgültig aus dem Schatten der Seilbahnkatastrophe vom 11. November 2000 treten. Am Sonntag wird der Ort noch einmal im Zeichen der Katastrophe stehen - aber nach dem Gedenktag soll aus dem Katastrophenschauplatz endgültig wieder eine Fremdenverkehrsgemeinde werden.

Ein Teil der Geschichte

Der erste Jahrestag des verheerenden Brandes in der Standseilbahn auf das Kitzsteinhorn soll den Hinterbliebenen der Opfer gehören. Der Skibetrieb wird für einen Tag ausgesetzt,"Gedenkwanderungen" und Gottesdienste finden statt.

Die Menschen im Ort bekennen sich zum Gedenken, zugleich aber fordern sie auch ihr "Recht aufs Weiterleben" ein. Das Unglück sei "Teil der Geschichte, dazu muss man stehen", sagt Bürgermeister Norbert Karlsböck. Nach dem Gefühl der Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit habe sich aber wieder Optimismus durchgesetzt.

"Durchstarten" statt Gedenken

Hans Wallner, der Tourismusdirektor von Kaprun, hält ebenfalls wenig vom Blick zurück. Er hat schon die kommende Wintersaison im Auge, und die soll ohne Verzögerung beginnen: "Am 12. November starten wir voll durch", meint Wallner und verweist lieber auf die neue Seilbahn, die zur Jahreswende in Betrieb gehen soll.

Die Buchungslage "ist schlicht und ergreifend gut", meint Wallner zufrieden. Er gibt sich keinen Illusionen hin: Zu verdanken habe man das einer anderen Katastrophe, nämlich den Terroranschlägen in den USA am 11. September. Kaprun profitiere nun davon, ein ohne Flugzeug erreichbares Reiseziel zu sein.

Kaprun rüstet auf

Hoteliers, Kaufleute und die Gletscherbahnen wollen den Gedenktag hinter sich bringen und wieder dort weitermachen, wo sie vor einem Jahr standen. Mit massiven Investitionen will Katastrophenschauplatzes abschütteln.

Zimmer wurden renoviert, Hotels bauten um und setzen nun vermehrt auf "Wellness", auch die Sportartikelhändler haben für jedermann weithin sichtbar "hochgerüstet".

Werbeagentur mit Erfahrung

Auch die öffentliche Hand unterstützte die Bemühungen Kapruns. Österreich-Werbung und Wirtschaftsministerium steckten 14,4 Millionen Schilling (1,05 Mio. Euro) in die vor einem Jahr unversehens zu der von einer Tourismus-Krise bedrohten Region.

Es floss kein Bargeld nach Kaprun. Stattdessen finanzierte man umfangreiche Medienkampagnen: Unmittelbar nach dem Unglück nahm jene Werbeagentur ihre Arbeit auf, die schon nach der Lawine von Galtür vor der Aufgabe gestanden war, aus einem Katastrophenschauplatz wieder einen Tourismus-Magneten zu machen.

Links:

 

orf.at 11. 11. 2001 - Fortsetzung

600 Angehörige gedenken der Opfer
Genau ein Jahr nach der Brandkatastrophe steht Kaprun heute im Zeichen des Totengedenkens. Angehörige der Opfer trafen sich bereits in den frühen Morgenstunden. Sie geben sich gegenseitig Kraft, die Trauer zu überwinden.

Keine Reden von Politikern
Die Angehörigen der 155 Opfer trafen sich am Sonntagmorgen im Ortszentrum von Kaprun. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur 6,5 Kilometer entfernten Talstation der Gletscherbahn, wo um neun Uhr eine Gedenkfeier stattfand, die die Angehörigen selbst gestalteten.

An dem dort provisorisch aufgestellten schlichten Holzkreuz wurden viele Blumen niedergelegt. Die Familien der Toten hatten ausdrücklich auf Reden von Politikern und Vertretern der Seilbahngesellschaft verzichtet. Eine offizielle Gedenkstätte soll später eingerichtet werden.

Über 600 Menschen aus aller Welt kamen zu der Feier und gedachten der verunglückten Verwandten und Freunde.

Das Feuer in der Standseilbahn war genau vor einem Jahr durch einen defekten Heizlüfter ausgelöst worden. Die so genannte Kaminwirkung im Tunnel hatte den Fahrgästen in der voll besetzten Bahn keine Chance gelassen. Nur ein Dutzend Skifahrer hatte sich durch eine eingeschlagene Scheibe ins Freie retten können.

Die Staatsanwaltschaft hat rund 20 Personen in Verdacht, an dem Feuerinferno Mitschuld zu tragen. Es handelt sich um Mitarbeiter der Seilbahngesellschaft, Beschäftigte der Bahnerbauer sowie Vertreter des Technischen Überwachungsvereins (TÜV) und Beamte des Verkehrsministeriums als oberste Seilbahnbehörde. Zur Anklage soll es zu Beginn des nächsten Jahres kommen.

Am Rande der Veranstaltung wurde Kritik an den Gletscherbahnen laut.
Symbole für die Opfer als Schlusspunkt
Die Gedenkfeier war für die Hinterbliebenen der Opfer eine Gelegenheit, um von den Toten Abschied zu nehmen und ihr persönliches Schicksal verarbeiten zu können. Viele Angehörige lasen selbst verfasste Gedichte und Botschaften vor.

Die Veranstaltung sollte den Familien der Opfer auch dazu dienen, einen Schlussstrich unter die Geschehnisse des 11. November zu ziehen. Für manche ist es jedoch zu früh für diesen Schritt, wie die Äußerungen eines Teilnehmers bewiesen, der in seiner Ansprache vor den Trauernden schwere Vorwürfe gegen die Betriebsgesellschaft der Gletscherbahnen vorbrachte. Er wurde von den anderen Trauernden aufgefordert, zu schweigen.

Als Schlusspunkt der Veranstaltung ließen die Angehörigen155 weiße Luftballons als Symbole für die Toten des Unglücks über dem Himmel von Kaprun aufsteigen.

ORF ON News
In Kaprun selbst wollen die Bewohner mit der Veranstaltung die Umkehr erreichen. Man will statt eines Katastrophenschauplatzes wieder zum Fremdenverkehrziel werden.
http://www.orf.at/orfon/011109-44845/index.htmlKaprun: Ein Jahr danach

"Gemeinsam schaffen wir es"
Gustl Prohaska ist einer der Organisatoren der Gedenkfeier. Er hat bei der Katastrophe seinen 26-jährigen Sohn verloren und ist überzeugt, dass man nur gemeinsam den Schmerz und die Trauer überwinden kann.

"Wenn man sich nicht selber hilft, bleibt man über und das gibt mir Kraft, dass ich das den anderen weitergeben kann. Wir sind jetzt eine große Gruppe geworden und helfen uns gegenseitig. Man kann das nur gemeinsam schaffen, allein läuft man am Stand", schildert Prohaska.

Die Hinterbliebenen haben beschlossen, von nun an jedes Jahr einen Gedenkmarsch zur Bahn abzuhalten.

Reaktionen:

Trauer und Haß liegen nahe beieinander
wisi01, vor 5h 45min
Ich habe selbst an dieser Veranstaltung teilgenommen und es tat mir richtig weh, als einer der Angehörigen seinen Haß zum Vorschein brachte. Ich möchte dazu sagen, dass etwa 95% der Angehörigen und Freunde die Veranstaltung wirklich als Trauer- und Gedenkfeier verstanden haben. Lediglich eine kleine Gruppe von Angehörigen rund um einen Wiener Rechtsanwalt (dessen Namen ich hier nicht nennen möchte) zeigte einmal mehr, dass sie nur noch von Haß gegen alles was mit Kaprun zu tun hat getrieben werden. Umso trauriger ist es, wenn von den Medien ausgerechnet diese Personen zitiert werden und jene 95% trauernden Angehörigen und Freunde, welche trotz ihrer Trauer und ihres Schmerzes noch klar denken können, werden zur Nebensache degradiert.

@Hinterbliebene - Politiker und Seilbahngesellschaft unerwünscht
hylax, vor 9h 8min
"Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser. Ach wir, die wir mit der Freundlichkeit überleben wollten, konnten selber nicht freundlich sein..." Dieses Zitat von Torberg war an Leute gerichtet die vorsätzlich Menschen umgebracht haben. Die Seilbahner von Kaprun wollten aber sicher niemanden umbringen, das sind einfach nur Fehlerbehaftete Menschen. Ich hab den subjektiven Eindruck das viele Hinterbliebene eine Arroganz, Rachsucht und Habgier an den Tag legen die seinesgleichen sucht (in unseren Breiten). Wenn diese Leute einer "Auge um Auge, Zahn um Zahn" Mentalität verfallen...dann sollten sie natürlich trotzdem ihr $$$$$$$$$$ bekommen - aber mein Mitgefühl haben sie verloren.

voll und ganz deiner meinung
weitweg, vor 6h 19min
kann es treffender nicht sagen

Lasst sie trauern!
kobau, vor 6h 3min
Es ist immer leicht, als Dritter einen Kommentar über das verhalten der Hinterbliebenen abzugeben. So ein besserwisserisches Gehabe ist hier net notwendig! Es geht im Leben net immer nur ums Geld. Die Leute wollen Gerechtigkeit. Klar wollte niemand jemanden umbringen, Menschen machen Fehler. Aber jeder von uns, der einen Beruf ausübt, ist ein Spezialist auf seinem Gebiet. Jeder der darin einen gröberen Fehler verursacht, muss mit Konsequenzen rechnen. Jeder trägt Verantwortung für sein Tun. P.S. Gut, dass keine Politiker und sonstige Gestalten keine Reden gehalten haben. Bei so einer Veranstaltung sind Grimassenschneider fehl am Platz!!!

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salzburg.orf.at
11. Nov. 2001

Angehörige klagen ihr Leid
Am frühen Nachmittag sind die Vertreter der Angehörigen der 155 Toten des Gletscherbahnen-Unglücks vor die Presse getreten und haben aus ihrer Verbitterung über die Gletscherbahnen kein Hehl gemacht.

Verbitterung und Verwirrung
Die Verbitterung unter den Angehörigen ist groß. 50 Millionen Schilling sind als freiwilliges Schmerzensgeld von der Versicherung in Aussicht gestellt worden, ob die Angehörigen das akzeptieren werden, ist fraglich.

Nur mit Mühe sei es gelungen, dass die Gletscherbahnen am Gedenktag ihren Betrieb eingestellt hätten.

Hannes Stieldorf, einer der Sprecher der Angehörigen, berichtet: "Ich weiß von vielen, dass sie irritiert sind durch Aktivitäten der Gletscherbahnen Kaprun AG, die durch das Einholen von Gutachten, das Lancieren von Meldungen und Ähnliches galuben, bereits im Vorfeld schadensbegrenzend wirken zu könnnen".

Kontroversen um Ed Fagan
Die Angehörigen wollen nicht einsehen, dass jene Vorstände, die zurzeit des Unglücks im Amt waren, auch mit dem Bau der neuen Bahn beauftragt worden sind. Trotz der Verbitterung vieler Hinterbleibener werden aber die Aktivitäten von Hinterbliebenen-Anwälten wie Fagan oder Witti kontroversiell beurteilt.

"Wenn Ed Fagan nicht so einen Lärm gemacht hätte, dann wäre nicht so viel passiert. Wir würden wahrscheinlich gar nicht mehr angehört", sagt Benedikt Sailern-Moy, der bei dem Unglück seinen Sohn verloren hat.

Neue Aktionen, wie das Aufstellen von Kreuzen in großen Zahl, habe man nicht vor, waren sich die Angehörigen einig.

 

Reaktionen:

Den Hinterbliebenen etwas Recht machen
pinzga, vor 36min
ist schon schwer ! Alles was gemacht wird ist schon von vorhiein falsch !Wer hilft den Hinterbliebenen von Autounfällen und solche die durch eine Krankheit sterben !!Klagen die auch nur über Rechtsanwälte oder treten massiv in den MEDIEN auf!!Auch wenn man einen engen Angehörigen verliert hat man keine solche Unterstützung ! Aber wenn man den diversen Berichten glaubt geht es vielen leider nur ums liebe GELD !!! Aber scheinbar ist das unsere geldgierige, " mediengeile " Welt !! TRAUER stell ich mir anders vor !!!

stillwatersrundeep, vor 37min
Jeder, der hier die Meinung vertritt, die Angehörigen wären nur aufs Geld aus, sollte sich einmal zurücklehnen um sich vorzustellen, wie es ihm wohl ergehen würde, wenn er seine Liebsten verliert. Geld spielt nur in den Köpfen derer eine Rolle, die mit dem Unglück nichts zu tun haben.

Gedlgier ist geil, oder?
coolfox, vor 1h 14min
Diese Leute kennen anscheinend nur das Leid des Geldes!!!

inhale, vor 2h 33min
Versteh nicht ganz, warum Geld für die Angehörigen überhaupt ein Thema is!? Kann mir irgendwie nicht vorstellen, daß ich mich in dieser Situation vor der Presse über derartiges äußern würde. Was hat Geld mit einem Menschenleben zu tun? Es ist doch einfach nur traurig, daß so ein Unglück passiert ist, oder?!

ich kann es nicht fassen...
kerschnuggi, vor 2h 34min
wie Kaprun von den Medien "schlecht" gemacht wird! Ich bin selber ein Kaprunerin mich hat "das ganze" auch getroffen, aber was in den Medien zum Vorschein kommt, oder was hier auf Ö3 darüber steht, ist wohl der absolute Höhepunkt!!! Keiner wollte ABSICHTLICH Menschen töten, das ist doch absoluter Schwachsinn das ganze so darzustellen!!! Es ging über Jahre hinweg, dass ein Heizlüfter in der Fahrerkabine gestanden ist, weil es eben eine Arschkälte in besagter Kabine hat und es ist eben nichts passiert und dann ist es eben passiert, und man kann KEINE Menschen dafür veranwortlich machen!!! SO GEHT'S EINFACH NICHT!!!! Ich habe schön langsam die Nase voll, überall nur wütende Menschen die sich aufregen, obwohl sie eigentlich nicht mal im direktem Zusammenhang mit der Tragödie stehen oder nicht mal die Hintergründe kennen!!! Und die ganzen Anwälte die Kaprun bzw. die Gletscherbahnen überall schlecht machen allen voran Herr Feagan die wollen sich in meinen Augen nur wichtig machen und sind hinter dem Geld her, nichts anderes!! Zum Schluß noch die Aussage, dass es nur mit Mühe und Not gelungen sei den Skibetrieb am Kitz heute einzustellen ist eine BODENLOSE FRECHHEIT!!!!! das war schon lange klar, dass heute kein Betrieb am Kitz ist und solche Sachen gehören einfach richtig gestellt. Die Medien schreiben eh nur so, weil sie eben eine "Sensationsstory" haben wollen, und diese dann von ja vielen Leuten gelesen werden soll und die diesen Schmarrn dann auch so weitererzählen!!!! @@~ auf wiederhör'n @@~

liebe/r schnuggi,
helikopter, vor 2h 17min
Deine Empörung über die Falschmeldung in Sachen Betriebs-Einstellung kann ich verstehen, ich habe als pers. nicht-Betroffener Stadt-Salzburger auch nix gegen Kaprun, zudem ist Ort & Betreiber-Ges. sicher nicht identisch, aber nach dem, was z. B. die SN in den letzten Tagen über Unfall-Ursachen veröffentlicht haben (Experten-Bericht), scheint's doch - IMO hauptsächlich von der kontrollierenden Behörde - Fehler gegeben zu haben, die so nicht vorkommen dürfen. So gesehen, ist mir die Stimmung unter den Angehörigen der Opfer nicht unverständlich.

werde diesen tag nie vergessen!!!!!
lilli21, vor 3h 28min
für mich ist dieser tag sehr schlimm,wenn man aufwacht und es ist das gleiche wetter wie am gleichen tag vor einem jahr!!muss immer wieder an diese zeit denken!!!ich glaube wer das nicht so erlebt hat wie die menschen in salzburg und vorallem alle einwohner von kaprun ,der kann das nicht nach voll ziehen!!!die tage und wochen danach!! das mehr von kerzen die menschen die gesichter emotionen!!! dieser tag ist unvergesslich für mich und sehr sehr viele andere!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

 

Ja Ja der Kapitalismus
csaba, vor 3h 49min
So ist eben unsere Geselschaft es geht nur ums Geld. Und unter dieser Regierung ist es noch ärger geworden.

lieber csaba, ob dieser traurige Jahrestag
helikopter, vor 3h 9min
wohl der richtitge Anlaß ist, Deine Regierungs-Feindlichkeit äußerln zu führen ???
kamikaze01, vor 2h 11min
Die Linken Zecken wie Csaba nutzen halt jede Chance für den Klassenkampf.

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11. Nov. 2001
sb Nachrichten

Gedenkveranstaltungen für Kaprun-Opfer

Zahlreiche Gedenkveranstaltungen für jene 155 Menschen, die bei der Seilbahnkatastrophe in Kaprun am 11. November 2000 ums Leben kamen, fanden dieses Wochenende statt. Betroffene gedachten Samstagvormittag in Wels in der Stadtpfarrkirche und am Abend in der Stiftskirche der Salzburger Erzabtei St. Peter der Opfer. Angehörige hatten sich am Sonntag in den frühen Morgenstunden in Kaprun versammelt, um an der Gedenkwanderung zu der 6,5 Kilometer entfernten Talstation aufzubrechen, wo dann um 9.00 Uhr der Gedenkgottesdienst stattfand.

In Kaprun ließen Angehörige 155 weiße Luftballons als Symbol steigen. Mit Fackeln, Blumen, Kränzen und zum Teil auch Holzkreuzen in den Händen war der Zug zum Kitzsteinhorn gewandert. Der anschließende Gedenkgottesdienst bei der Talstation der Gletscherbahnen AG begann um 9.00 Uhr, also "zu einer Zeit, als damals die Bahn wegfuhr", wie Anton Wanner, Kapuzinerpater im Landeskrankenhaus in Klagenfurt, zu Beginn seiner Trauerworte erinnerte.

Zu einem kurzen Zwischenfall kam es, als einer der Angehörigen die Gedenkfeier nutzen wollte, um die Betriebsführung der Gletscherbahnen als Verantwortliche für das Unglück anzuprangern und Forderungen an die Regierung - beispielsweise über einen unabhängigen Opferfonds - zu formulieren. Als andere Hinterbliebene erklärten, dies gehöre nicht hierher, beendete der Redner sein Statement. Die Trauerfeier wurde daraufhin mit einigen weiteren Gedenkworten Angehöriger fortgesetzt und schließlich kurz vor 10.00 Uhr mit den aufsteigenden weißen Luftballons beendet.

Kritik an den Gletscherbahnen aber auch am offiziellen Salzburg gab es von Vertretern der Angehörigen: Den Bahnen wird die Schuld am Unglück gegeben, dem offiziellen Salzburg fehlende Sensibilität im Umgang mit dem Ereignis vorgeworfen. Lob gab es seitens der Hinterbliebenen für die Unterstützung der Gemeinde Kaprun sowie die rasche Hilfe der Generali-Versicherung für Familien, die beim Unglück den Ernährer verloren haben.

Unsensibel agierten nach Ansicht der Hinterbliebenen die Gletscherbahnen: Dass diese beispielsweise am Jahrestag geschlossen hielten, dazu hätte es einer "mühsamen Bearbeitung der Direktoren" bedurft. Die Angehörigen warfen den Gletscherbahnen weiters vor, durch "Lancieren von Meldungen" und das Einholen von Gutachten bereits im Vorfeld eines allfälligen Gerichtsverfahrens den Versuch zu unternehmen, die Ansprüche zu reduzieren.

Auch der Wiener Kardinal Christoph Schönborn erinnerte beim Gottesienst in St. Anton von Padua der Opfer der Standseilbahnkatastrophe in Kaprun vor einem Jahr. Am Tag nach dem Unglück hätten sich im Stephansdom tausende Menschen versammelt, sagte der Kardinal. Die Feier des Trauergottesdienstes sei von einer "dichten Atmosphäre der Trauer, aber auch der Hoffnung" geprägt gewesen. Die Christen hätten eine Hoffnung über den Tod hinaus anzubieten, weil "Gott nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden" ist.

© APA

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kleine Zeitung
11.11.2001

Erster Jahrestag: Kaprun gedachte der Opfer

 

Bei kalten, fast eisigen Temperaturen und - genau wie vor einem Jahr - strahlend blauem Himmel fand am Sonntag die Gedenkfeier zum Jahrestag der Brandkatastrophe von Kaprun statt.

Gedenkwanderung. Rund 500 Angehörige hatten sich in den frühen Morgenstunden in der Gemeinde versammelt, um an der Gedenkwanderung zu der 6,5 Kilometer entfernten Talstation aufzubrechen, wo dann um 9.00 Uhr der Gedenkgottesdienst stattfand. Am Ende der Trauerfeier ließen Angehörige 155 weiße Luftballons steigen: Einen für jedes der am 11. November 2000 umgekommenen Opfer.

 

Fackelzug. Mit Fackeln, Blumen, Kränzen und zum Teil auch Holzkreuzen in den Händen war der Zug zuvor etwa eineinhalb Stunden lang dem schneebedeckten Kitzsteinhorn entgegen gewandert. Dessen oberste, von der Morgensonne gold-funkelnd angeleuchtete Spitze sorgte dabei für eine eigene Stimmungskulisse: "Als wollte der Berg sagen: Ich kann doch nichts dafür", so ein Angehöriger.

Gottesdienst. Der Gedenkgottesdienst bei der Talstation der Gletscherbahnen AG begann um 9.00 Uhr, also "zu einer Zeit, als damals die Bahn wegfuhr", wie Anton Wanner, Kapuzinerpater im Landeskrankenhaus in Klagenfurt, zu Beginn seiner Trauerworte erinnerte. Wanner, der selbst einen Schüler in dem Zug verlor hat, ging vor allem auf das ein, was die Hinterbliebenen vor einem Jahr durchgemacht haben dürften: Jeder der Versammelten habe "Erinnerungen, die letztlich schrecklich sind" und "Situationen erlebt, die man nie wieder vergessen kann". Die Opfer seien jedoch nicht fort, sondern "mitten unter uns, weil wir an sie denken". Und: "Alles was Gott tut, kennt einen Sinn", versuchte der Pater zu trösten.

Gedenkminute. Im Anschluss an eine Gedenkminute drückten Angehörige aus, was sie empfinden oder auch, was sie dem Verstorbenen noch gerne sagen würden. Ein Vater, der seinen Sohn verloren hat, bekannte beispielsweise, seither einen Gedanken nicht los zu werden: "Wo war ich an jenem Samstag, als du mich gebraucht hast? Als das Licht erlosch, als die Angst dich erdrückte. Wo war meine Hand, die dich schützen sollte?"

Trauer. Eine Frau, deren Ehemann in der Standseilbahn starb, trauerte mit den Worten: "Ich habe nie gedacht, dass du als Erster gehst, weil du so lebendig warst. Obwohl ich dich nicht berühren kann, weiß ich, dass du da bist. Ich liebe dich." - Eine Mutter, die ihren 36-jährigen Sohn verlor, rezitierte ein Gedicht, in dem es unter anderem hieß: "Freunde sterben nicht. Sie bleiben bei uns. Was sie uns in unserem Leben je gegeben, strahlt weiter wie ein Licht. Freunde sterben nicht."

Zwischenfall. Zu einem kurzen Zwischenfall kam es, als einer der Angehörigen die Gedenkfeier nutzen wollte, um die Betriebsführung der Gletscherbahnen als Verantwortliche für das Unglück anzuprangern und Forderungen an die Regierung - beispielsweise über einen unabhängigen Opferfonds - zu formulieren. Als andere Hinterbliebene erklärten, dies gehöre nicht hierher, beendete der Redner sein Statement. Die Trauerfeier wurde daraufhin mit einigen weiteren Gedenkworten Angehöriger fortgesetzt und schließlich kurz vor 10.00 Uhr mit den aufsteigenden weißen Luftballons beendet.

Gedenken. Auch der parallel zum Gedenken am Berg unten im Ortszentrum abgehaltene Sonntagsgottesdienst stand ganz im Zeichen des Jahrestages: Vor dem Altar lagen 155 rote Rosen, am rechten Seitenalter waren Bilder der sechs Kapruner Opfer angebracht. Der Pfarrer betonte in seiner Predigt: "Ich bin überzeugt, es ist auch im Sinne der Verunglückten, dass wir nicht aufgeben, sondern weitergehen in dem Bewusstsein: Wir sind nicht allein."

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Bei kalten, fast eisigen Temperaturen und - genau wie vor einem Jahr - strahlend blauem Himmel fand heute, Sonntag, die Gedenkfeier zum Jahrestag der Brandkatastrophe von Kaprun statt. Rund 500 Angehörige hatten sich in den frühen Morgenstunden in der Gemeinde versammelt, um an der Gedenkwanderung zu der 6,5 Kilometer entfernten Talstation aufzubrechen, wo dann um 9.00 Uhr der Gedenkgottesdienst stattfand.

Am Ende der Trauerfeier ließen Angehörige 155 weiße Luftballons steigen: Einen für jedes der am 11. November 2000 umgekommenen Opfer.

Mit Fackeln, Blumen, Kränzen und zum Teil auch Holzkreuzen in den Händen war der Zug zuvor etwa eineinhalb Stunden lang dem schnee-bedeckten Kitzsteinhorn entgegen gewandert. Die von der Morgensonne beleuchtet Spitze sorgte dabei für eine eigene Stimmungskulisse: "Als wollte der Berg sagen: Ich kann doch nichts dafür", so ein Angehöriger.

Der Gedenkgottesdienst bei der Talstation der Gletscherbahnen AG begann um 9.00 Uhr, also "zu einer Zeit, als damals die Bahn wegfuhr", wie Anton Wanner, Kapuzinerpater im Landes-krankenhaus in Klagenfurt, zu Beginn seiner Trauerworte erinnerte. Wanner, der selbst einen Schüler in dem Zug verlor hat, ging vor allem auf das ein, was die Hinterbliebenen vor einem Jahr durchgemacht haben dürften: Jeder der Versammelten habe "Erinnerungen, die letztlich schrecklich sind" und "Situationen erlebt, die man nie wieder vergessen kann".

Die Opfer seien jedoch nicht fort, sondern "mitten unter uns, weil wir an sie denken". Und: "Alles was Gott tut, kennt einen Sinn", versuchte der Pater zu trösten. Im Anschluss an eine Gedenkminute drückten Angehörige aus, was sie empfinden oder auch, was sie dem Verstorbenen noch gerne sagen würden. Ein Vater, der seinen Sohn verloren hat, bekannte beispielsweise, seither einen Gedanken nicht los zu werden: "Wo war ich an jenem Samstag, als du mich gebraucht hast? Als das Licht erlosch, als die Angst dich erdrückte."

Zu einem kurzen Zwischenfall kam es, als einer der Angehörigen die Gedenkfeier nutzen wollte, um die Betriebsführung der Gletscherbahnen als Verantwortliche für das Unglück anzuprangern . Als andere Hinterbliebene erklärten, dies gehöre nicht hierher, beendete der Redner sein Statement. Die Trauerfeier wurde mit weiteren Gedenkworten Angehöriger fortgesetzt und schließlich kurz vor 10.00 Uhr mit aufsteigenden weißen Luftballons beendet.

Kritik an den Gletscherbahnen aber auch am offiziellen Salzburg kam heute von Vertretern der Angehörigen: Den Bahnen wird die Schuld am Unglück gegeben, dem offiziellen Salzburg fehlende Sensibilität im Umgang mit dem Ereignis vorgeworfen. Lob gab es seitens der Hinterbliebenen für die Unterstützung der Gemeinde Kaprun sowie die rasche Hilfe der Generali-Versicherung für Familien, die beim Unglück den Ernährer verloren haben.

Die Angehörigen-Vertreter kritisierten,"mit welcher Instinktlosigkeit" das offizielle Salzburg zum Jahrestag agiert habe: Den meisten Angehörigen wäre es einfach zu viel gewesen, am Vorabend in der Landeshauptstadt zu sein und am nächsten Tag um 7.00 Uhr in Kaprun am Gedenkmarsch teilzunehmen. Der Bitte, das Requiem in Zell am See aufzuführen, sei das Land aber nicht nachgekommen, meinte Wilhelm.

Den Abschluss bildet um 18.00 Uhr ein ökumenischer Gottesdienst in der Pfarrkirche Kaprun. Den ganzen Tag über steht den Hinterbliebenen der Saal der Jugendherberge zur Verfügung, um sich ungestört austauschen zu können. Skibetrieb gibt es keinen, die Gletscherbahnen bleiben an diesem ersten Gedenktag geschlossen.

155 beschriftete Kreuze samt Kerzen erinnern an der Unglückstelle an die Opfer der Tragödie. Die Hinterbliebenen wurden diese Woche zusammen mit Psychologen und Ärzten zur Unglückstelle im Tunnel geführt, um mit ihrer Trauerarbeit abschließen zu können.

Auslöser des Unglücks waren ein defekter Heizlüfter und zahlreiche gravierende Sicherheitsmängel in der Unglücksbahn.

Gegen 15 Personen wurden Strafanzeigen wegen fahrlässiger Herbeiführung einer Feuersbrunst eingebracht. Der Münchner Anwalt Michael Witti, der Angehörige von 14 Opfern vertritt, rechnet mit 21 Mio. S Schadensatz pro Opfer. Er bezeichnete die Republik Österreich als Haupt-schuldigen: "Sie ist nicht nur über eine Tochter-gesellschaft die größte Anteilseignerin der Gletscherbahn AG. Sie trifft auch eine Schuld durch Unterlassung, weil sie keinerlei Brand-schutzvorschriften für den Betrieb der Bahn machte."

Bei den Angezeigten handelt es sich um drei Angestellte der Gletscherbahn Kaprun AG als Betreiber der Unglücksbahn, zwei Mitarbeiter der Firma Swoboda (Einbau des Heizlüfters), zwei Techniker der Firma Rexroth (Montage der Hydraulik), zwei Beamte der Zulassungsbehörde im Verkehrsministerium, zwei Mitarbeiter des TÜV Österreich sowie einen Prüftechniker eines Zivilingeneurbüros. Mit einem Strafantrag durch die Staatsanwaltschaft wird erst im kommenden Frühjahr gerechnet.

Neue Seilbahn für "Kitz"
In Kaprun wird inzwischen auf Hochtouren an der neuen Seilbahn gearbeitet. Die Doppelseil-Umlaufbahn aufs "Kitz" wird jene Tunnelbahn ersetzen, in der es am 11.11.2000 zur Brandkatastrophe kam. Der 1. Teil der Bahn soll "um die Jahreswende" in Betrieb gehen.

 

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Kleine Zeitung - Printausgabe
11. November 2001

W. Kirnbauer, Vater eines Opfers

OFFENER BRIEF AN DIE GLETSCHERBAHNEN KAPRUN

Als Eltern und Bruder eines durch Ihre mangelhafte Betriebsführung zu Tode gekommenen jungen Menschen geht es uns nicht in den Kopf, dass Sie nicht die geringste Bereitschaft zur Einsicht zeigen. Die vorliegenden Gutachten zeigen auf, wie Sie. mit der Verantwortung für die Gletscherbahn umgegangen sind. Nicht nur, dass Sie Pflege und Service sträflich vernachlässigt haben, haben Sie noch durch nachträgliche Umbauten die Feuergefahr im Zug erhöht. Einzig der Profit war Ihr Streben, an auch nur die einfachsten Sicherheitsvorkehrungen haben Sie aus

Kostengründen nicht gedacht: Katastrophenplan, Notbremse, Kommunikation zwischen den Zügen, Öffnungsmöglichkeit für die Fenster, Notbeleuchtung und

vieles mehr. Und jetzt reden Sie sich ein, keine Schuld an dem Unglück zu haben. Ihr Vorgehen auch nach der Katastrophe sowie der Versuch, die Kapruner Bevölkerung einzuschüchtern zeigen uns deutlich Ihre Taktik.

Wir wünschen Ihnen und uns, dass eine Gerechtigkeit wirksam wird, von der wir fest glauben, dass es sie gibt.

Familie Kirnbauer

 

In die Trauer mischt sich der Zorn der Angehörigen

Ein Jahr nach der Seilbahnkatastrophe: Die Familie eines 17-jährigen Opfers wirft der Gletscherbahn Kaprun Schlamperei und Zynismus vor - und will keinen Kontakt mehr.

VON HANNES GAISCH

11. November 2000:Für Heidi und Werner Kirnbauer begann dieser Tag in einem spanischen Hotelzimmer. Der Oberarzt des Landeskrankenhauses Radkersburg, der mit seiner Familie in Güssing lebt, war wegen eines Ärztekongresses auf Mallorca, seine Frau mit ihm. Samstagmorgen, die Sonne schien ...

... auch über Kaprun und dem Kitzsteinhorn. Kurz vor neun Uhr: Matthias (17), der jüngere Sohn des Ehepaares, beeilte sich in die Seilbahn auf den Gletscher. Der begeisterte Snowboarder war im Morgengrauen mit dem burgenländischen Schiverband hierher aufgebrochen.

Mallorca,. eine Stunde später.

Matthias' Vater verfolgte im Hotelzimmer die TV-Nachrichten. Da erschien am unteren Bildschirmrand die unheilvolle Meldung: "Seilbahn auf das Kitzsteinhom steckt im Tunnel fest."

11. November 2001, der erste Jahrestag: Heute treffen sich die Kirnbauers mit anderen Angehörigen der 155 Todesopfer in Kaprun. Gemeinsam werden sie sich auf den Weg zur Gedenkfeier bei der Talstation der Gletscherbahn machen.

Im Tunnel, dort, wo die "Kitzsteingams" ausbrannte, war sie schon, die burgenländische Gruppe, knapp weniger als 20 Leute. Damit die Hinterbliebenen der Opfer an der Stelle innehalten können, wo sie ihre Angehörigen verloren haben, verwandelten die Gletscherbahnen den Unglücksort, 600 Meter im Inneren des Berges, in eine Gedenkstätte: Ein weißes Kreuz für jedes der Todesopfer wurde an der rußgeschwärzten Tunnelwand befestigt, Kerzen aufgestellt, ein Holzboden von der Länge des Zuges über die Schienen gelegt, damit Stehen (bzw. Sitzen) Oberhaupt möglich ist - das Inferno hatte die schmale Metalltreppe fast vollständig zum Schmelzen gebracht. Psychologen, Ärzte, Bergrettungsleute standen bereit, als die burgenländische Gruppe die steile Rampe hinaufstieg, und zu trinken gab es: "Das", sagt Wemer Kirnbauer über diesen Ort, "haben die Gletscherbahnen schön gemacht und gut organisiert. "

Doch der Arzt und seine Familie sind misstrauisch geworden. Denn für sie steht nach dem Studium der Gutachten fest, dass die Gletscherbahnen die Verantwortung für diese Katastrophe zu tragen haben, weshalb sie sich nun gegen alle Versuche der Vereinnahmung zur Wehr setzen. Jüngst sandte die Familie Kirnbauer einen zornigen Brief an die Adresse der Gletscherbahnen in Kaprun, verbat sich künftig sogar jedwede Korrespondenz (siehe Kasten).

"Wir hatten", erklärt Werner Kirnbauer im Gespräch mit der Kleinen Zeitung, "laufend Briefe erhalten, die so verfasst waren, als gäbe es all die Versäumnisse der Gletscherbahnen gar nicht, sondern im Gegenteil: Man habe Mitleid' mit uns, werde immer alles für uns tun', stehe mit uns in tiefster Verbundenheit'." Doch das sei zynisch, sagt der Arzt, "hier gibt es keine Verbundenheit".

Auch die heutige Gedenkfeier wollten die Gletscherbahnen organisieren, doch die Angehörigen der Opfer nahmen dies selbst in die Hand. Es passt nicht zusammen, dass jemand, der für mich auf der Anklagebank sitzt, zugleich für uns die Feier veranstaltet", erklärt der Vater von Matthias. So fürsorglich die Verantwortlichen der Gletscherbahnen einerseits seien, "so wenig Einsicht zeigen sie andererseits bei ihren Fehlern, die zu dieser Katastrophe geführt haben".

 

"Kaprun wird vor einem US-Gericht weitergehen"

Auch Ed Fagan kam zum Jahrestag der Katastrophe nach Kaprun

Mit elf österreichischen Juristen vertreten Sie die Mehrheit der Angehörigen der Kaprunopfer Welche Bedeutung hat der Jahrestag für die Hinterbliebenen und für Sie?

ED FAGAN: Heute ist der erste Tag seit einem Jahr, an dem die Opferfamilien zusammen trauern können. Diesmal bin nicht als Anwalt gekommen, sondern um den Angehörigen mein Mitgefühl zu zeigen. Und nicht nur den Angehörigen, auch den Toten. Ich glaube dass die Seelen vom Himmel herunterschauen und alles mitbekommen. Sie verdienen Respekt.

Wie optimistisch sind Sie, dass die Entschädigungsverfahren vor US-Gerichten verhandelt werden?
FAGAN: Wir haben viele Hinweise über direkte Verbindungen zwischen an Kaprun beteiligten Untemehmen und den USA. Nicht nur, dass man Urlaubsarrangements in den USA buchen konnte. Teile der Unglücksbahn und des Tunnels sind in den USA produziert worden.Das macht Sie noch sicherer? FAGAN: Das ist keine Überheblichkeit, aber es wird einen Prozess in den USA geben, und Kaprun wird vor US-Gerichten weitergehen. Die verantwortlichen Firmen sagen ja schon: "Ihr bekommt vielleicht ein Urteil in den USA, aber das kann man nicht nach Österreich übertragen." Und selbst da irren sie sich.

Die nächsten Schritte?

FAGAN: Wir sammeln jetzt Aussagen von Zeugen. Das können Dritte sein, die wichtige Informationen haben, Überlebende, Angehörige.

Gibt es noch Vorwürfe an die österreichischen Behörden?

FAGAN: Die Behörden haben ihre Verantwortung an den TÜV übertragen, aber sie sind selbst verantwortlich für das, was sie tun. Dann gibt es Politiker, die den Wunsch, die Toten ordentlich zu bestatten, als PR-Gag bezeichnen. Ich möchte wissen, was die sagen würden, Wenn es ihre Kinder wären. Und: Warum gibt es nicht wenigstens einen Brief, in dem steht: "Es tut uns Leid." Interview: Jochen Bendele

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Eine Reise ohne Wiederkehr

155 Menschen starben im Tunnelinferno von Kaprun.

Ein Lokalaugenschein am Unglücksort ein Jahr danach.

Von Doris Piringer

Einer dieser Tage, an denen der Nebel fett in den Tälern klebt und die nasse Kälte in die Knochen kriecht. Kaprun hat sich eingenistet. Frisch gefärbelt sind viele Häuser bunt und lebensfroh scheint das kleine Dorf.' Kaum jemand auf den Straßen. Doch, ein paar Schulkinder, und sie grüßen die Fremden, ihre Gäste, mit einem fröhlichen "'ß Gott". Gerade noch sieht man sattes Grün rundum auf den Hängen und Schafe, die darauf weiden, doch gleich weiter oben schlucken die Wolken den Berg.

Man will hinauf Ganz hinauf. Die Wolken unter sich lassen und darüber nur der Himmel. Etwas außerhalb von Kaprun die Talstation der Gletscherbahnen und genau diese Straße sind heute vor einem Jahr auch die 155 Menschen gefahren, um die jetzt so viele trauern. Eine kleine Gedenkstätte mit einem Metallkreuz, mit vielen Fotos der Urlauber, mit weißen Kerzen und roten Rosen am Rand6 des Parkplatzes. Blutjung fast Kinder noch, waren viele. "Massimo" steht auf einem Zettel, daneben ein Foto mit einem lachenden Blondschopf. Geboren 1987, gestorben 2000.

Von vielen Ecken der Welt, aus Deutschland, Amerika und Japan, sind sie damals nach Salzburg zum Schifahren gekommen und eines haben sie jetzt gemeinsam: ihren Todestag, ihre Todesstunde, etwa um 9.08 Uhr am 11. November 2000.

Mit der Gondel fährt man hinauf und schwebt vorbei an den schlanken Gerüsten der ehemaligen Gletscherbahn und weit geöffnet, wie ein Mund zum "0" geformt, die Einfahrt in den Berg. "Kitzsteingams" hat die Todesbahn geheißen und bald nach der Einfahrt ist es passiert. Langsam reißt der Nebel auf, die Gondel hebt einen sanft über die Kuppen hinweg und oben kann man die Sonne schon ahnen. Noch liegt kein Schnee auf dem Boden, die Alm ist noch Ahn und kein Paradies für Schifahrer. 10.000 Wintersportler zählt man an guten Tagen in diesem Gebiet und, die müssen vom Tal auf den Berg gebracht werden. Die Gletscherbahn war die erste alpine U-Bahn der Welt und 26 Jahre lang hat sie einen Teil dieser vielen Schifahrer zum ewigen Eis auf das Kitzsteinhorn geführt. Sommer und Winter und Sommer und Winter bis zum vergangenen 11. November.

"Die Zeit drängt", schreibt man auf den Notizblock. Die Saison beginnt und noch heuer im Dezember will man die neue Gondelbahn eröffnen. "Gletscherjet 1 " heißt der Ersatz für die unterirdische "Kitzsteingams". Hubschrauber knattern unentwegt vom Tal auf den Berg und zurück, Stahlseile baumeln am Seil.

Die Betonstützen stehen schon, die Arbeiter gehen nicht, sie laufen, und der Hubschrauber kann nur fliegen, wenn der Nebel aufreißt. Man spürt den gewaltigen Druck, der auf diesen Leuten lastet. Auf einmal blendet die Sonne, gleißend schießt sie durch die Wolken und taucht in ihr prachtvolles die Welt Licht. Auf der Bergstation hüpft man vom Sessellift, tastet nach den Sonnenbrillen und lässt den Blick langsam und immer wieder über die Gipfel gleiten, die einem behutsam in weiße Wolken gebettet zu Füßen liegen. Erst nach Minuten kann man sich lösen von diesem Atem beraubenden Panorama und man denkt daran, dass die 155 Menschen genau hier in diesem Alpincenter aus der "Kitzsteingams" klettern wollten.

Ein riesiger Bau mit Shops ist das und einem gläsernen Restaurant. Drinnen im Alpincenter war der Ausgang von der Gletscherbahn. Drei Menschen fielen hier tot um. als der schwarze, giftige Rauch nach dem Inferno durch den Tunnel ins Freie schoss. Man hat diesen Ausgang später nicht zugebaut Ein schlichter zartgelber Vorhang verdeckt jetzt nach dem Restaurieren die Öffnung in den Berg, ein kleiner Raum und Glaswände davor. Man will diesen Gedanken wieder wegwischen, aber unwillkürlich erinnert das an eine Aufbahrung und im Grunde kann man sich das alles nicht vorstellen, nicht im mindesten, was hier vor einem Jahr geschehen sein muss.

Albträume. Die Angehörigen der Opfer haben in den Gesprächen mit den Psychologen immer wieder ein Thema angeschnitten. Am meisten belaste sie die Vorstellung, auf welche Weise, auf welch grauenhafte Weise ihre Liebsten umgekommen wären. Manche Zeitungen haben ausführlich über die Todesqualen geschrieben, auch einzelne Rechtsanwälte schüren das aus durchsichtigen Gründen und darüber kämen sie nicht hinweg. Diese Bilder begleiten sie Tag und Nacht und das führe nach wie vor zu unerträglichen Albträumen.

Vor ein paar Tagen hat man die Hinterbliebenen in den Tunnel geführt, zu jener Stelle, an der die Menschen damals gestorben sind. Mit Seilen gesichert sind die Angehörigen 1500 Stufen bis zum Stolleneingang geklettert, dann noch einmal so viele bis zum Brandort. Auf der rußigen Tunnelwand kleine silberne Gedenktafeln mit den Namen der Toten und eine flackernde Kerze davor. Eine beklemmende Atmosphäre soll das gewesen sein, aber nicht nur beklemmend, auch irgendwie feierlich wäre dieser Abschied unmittelbar am Unglücksort gewesen.

 

Gedenken.. Ärzte haben die Hinterbliebenen schon vorher über das Wesen einer Kohlenmonoxydvergiftung aufgeklärt. Daran sind alle 155 Menschen gestorben. Binnen kürzester Zeit hätten die Opfer das Bewusstsein verloren, drei, vier tiefe Atemiüge lang hätte das vielleicht gedauert. Dieses Wissen hilft nun den Müttern und Vätern, den Geschwistern und Freunden, die auch heute am ersten Gedenktag aus aller Weh in Kaprun sein werden. Die Bahnen und Lifte stehen still in diesen Stunden, auch das Alpincenter oben bleibt geschlossen.

Der Schnee knirscht unter den Schuhen und millionenfach glitzert die Sonne in den Kristallen. In Gedanken versunken umkreist man das Alpincenter und plötzlich knallen einem meterhohe Buchstaben entgegen. BIG APPLE steht auf einer Glaswand, flankiert vom angebrochenen Apfel. Irritiert versucht man zu verstehen, was denn um Himmels Willen Big Apple, der andere Begriff für New York, hier heroben auf dem Kitzsteinhorn zu suchen hätte?

Die Erklärung ist einfach: Big Apple ist der Name des Restaurants. Dass auf den Tag genau zehn Monate nach dem Inferno in Kaprun noch eine ganz andere Dimension von Untergang die Welt erzittern lassen würde, das konnte damals niemand ahnen.


Kerzen für Simone und Thurli,
von Ernie Wildenauer gestaltet


Der Ausgang der Bergstation, drei Menschen fielen hier tot um.


Die Stützen für die neue Gondelbahn
stehen bereits.

Symbol. Wie seltsam doch der Zufall Regie führen kann. Ein Ort verschmitzt mit einem anderen, jeder für sich war ein Symbol ausgelassener Lebenslust und seit kurzem ist jeder für sich auch Sinnbild für ohnmächtiges Sterben. Big Apple auf dem Kitzsteinhorn. Ein kühler Wind ist aufgezogen und Nebelfetzen überziehen die Bergspitzen. Die Bahn bringt einen wieder hinunter zur Talstation mit der Gedenkstätte, Wie Irrlichter flackern die Kerzen in den roten Hülsen und man kann in der Dämmerung den Tunneleingang gerade noch erkennen. Die Menschen in Kaprun hoffen, dass der heutige erste Gedenktag wohl auch die Trauer beenden und ihr Ort wieder zurückkehren möge zu einem fröhlichen Zentrum für Winterurlauber. Das Unglück und die Schlagzeilen darüber haben ein empfindliches Loch in den Kassen hinterlassen.

Doch so einfach und so rasch wird dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen. Die Untersuchungen über die Ursache der Katastrophe sind abgeschlossen, 15 Verantwortliche wurden angezeigt. Das Strafverfahren wird lange dauern, man weiß das von Lassing, und in Zeitlupe wird im Gerichtssaal aufgerollt werden, warum diese Fahrt im Tunnel für 155 Menschen zur Reise ohne Wiederkehr geworden ist.

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